Ich sehe ein Bild von glücklichen Schweinen: Gut ernährt grunzen sie zufrieden und bewegen sich in freudiger Erwartung auf die Futtertröge zu. Nachdem sie ihre Mahlzeit eingenommen haben, bewegen sie sich träge zurück in ihre Stallungen, wo sie sich in ihrer übersatten Seligkeit strecken. „Ist es nicht ein bisschen kalt für sie?“ Als Stadtmensch glaube ich, das Schweine im Winter in Ziegelsteinhäuser leben müssten und nicht in Holzhütten auf dem Feld. „Nein, es geht ihnen hier sehr gut“, sagt der Bauer lachend. „Wir ziehen die Schweine nach den gleichen Methoden wie im Westen groß.“ Der Bauer, Leonid Mikhailov, hält im Moment rund 60 Schweine. Er hatte bis vor kurzem mehr als 200 Schweine. Aber, als ihm ein guter Preis angeboten wurde, verkaufte er sie. „Ich habe fast geweint als sie aufgeladen wurden. Aber es war ein sehr gutes Geschäft, verstehen Sie? Ich habe ein wirklich gutes Geschäft gemacht.“

Geschäft ist das Schlagwort. Auch in der Ukraine hat sich der Gedanke entwickelt, dass ein laufendes Geschäft gewinnbringend sein sollte. Im Gegensatz zu alten Sowjetzeiten müssen Bauern heutzutage nicht auf Kommandos von der landwirtschaftlichen Obrigkeit warten, was zu tun ist und wann es zu tun ist. Auch müssen die Bauern nicht mehr erklären, wie viele Tiere sie halten oder wie viele sie verkaufen. Die Bauern wissen heute sehr genau, aus welcher Richtung der Wind weht. Sie beobachten laufend den Markt und geben ihr Bestes um gewinnbringende Geschäfte zu machen. Die Rentabilität ist wichtig für beide Seiten: Für den Bauer und für den Verbraucher. Aber freie Bauern sind ein Fluch für die Bürokraten.

Mikhailovs Bauernhof umfasst etwa 20 Hektar Land. Es befindet sich in der Nähe des Dorfes Yalynovka, rund 40 Kilometern von der Stadt Zhytomir entfernt, wo Mikhailov eine Wohnung hat. Es gibt nur wenig landwirtschaftliche Nutzfläche im Zhytomir Oblast, welches den freien Bauern angeboten wird. Was an Land angeboten wird, liegt abseits und ist wenig fruchtbar. Mikhailov kämpfte zwei Jahre um das Recht, ein Stück Land bebauen zu können. Nach langem Kampf vor Gericht überwand Mikhailov den Widerwillen der Zhytomir-Obrigkeit, ihm den Status eines privaten Bauern zu geben. Aber als Rache über seinen Sieg bekam Mikhailov einfach nur ein Stück Moor. Mikhailovs ganzes Glück. Man fühlt, Mikhailov ist eine bemerkenswerte Person, vor allem, wenn ich neben ihm stehe und davon erfahre, was er sonst noch im Leben macht. Ein vorzüglicher Athlet (er nahm an Ruderwettbewerben teil), ein guter Saxophonist, ein ausgezeichneter Fotograf; ein Amateurhistoriker, ein studierter Agraringenieur und vieles mehr. Einige Leute glauben, er ist „zu laut, zu selbstsicher, zu aggressiv“, andere lieben ihn gerade deshalb „so klug, so innovativ, so tapfer.“ Ich selbst empfand Mikhailov als ein Hoffnungsstrahl in der dunklen Welt des ukrainischen Ackerbaus.

Der Weg zu privatem Ackerbau

Mikhailovs Weg zum privaten Ackerbau ist sowohl typisch als auch bemerkenswert. Das Verbot privater Landwirtschaft wurde in der Ukraine 1991 aufgehoben. Die progressivsten Anhänger einer Marktreform in der Landwirtschaft erkannten schnell, dass die Kolchosen dem Tode geweiht waren. Sie waren auch die ersten, die den Schritt in die private Landwirtschaft wagten. Dafür benötigten die „neuen privaten Bauern“ Land. Die Mächtigen der Kolchosen überließen den „Privaten“ allerdings nur das „Reserveland“. Zumeist sandig und verödet. Aber selbst um dieses Land mussten die Bauern erst kämpfen und alle rechtlichen Mittel ausschöpfen. Denn die Apparatschiks und Betonköpfe der Kolchosen leisteten lange erbitterten Widerstand. Auch ihnen war von Anfang an klar, dass eine private Landwirtschaft die Kolchosen in Frage stellen würde.

Ein vereinigter bürokratischer Konterschlag zerstörte ohnehin die Illusionen der meisten Anträge für private Landwirtschaft. Privater Ackerbau schien in der Ukraine völlig chancenlos, ja geradezu zum Scheitern verurteilt. Wie kann man mit wenige Kapital, schrottreifen Maschinen, unerträglicher Rechtsunsicherheit, hunderten von beschränkenden Vorschriften und offener Feindseligkeit ein Geschäft aufbauen? Der ersten Welle von Privatbauern gelang es, Darlehen von staatlichen Landmaschinenherstellern zu bekommen. Die galoppierende Inflation half ihnen dabei, diese Darlehen zurück zu bezahlen. Aber die Inflation war es auch, die eine weitere Gründungswelle verhinderte. Explodierende Preise machten den Kauf von Traktoren, Maschinen oder Saatgut völlig unmöglich.

Trotz all dieser Nachteile zeigten die privaten Bauernhöfe von Anfang an, dass das Kolchosensystem eine landwirtschaftliche Sackgasse war. Sogar der schlechtere Boden hinderte die privaten Bauern nicht daran, im Vergleich zu den Kolchosen die besseren Erträge einzufahren. Das führte sogar zum massiven Angriff gegen die privaten Bauern. Die Presse machte mit und griff private Bauern mit der Behauptung an, sie würden Maschinen der Kolchosen sabotieren. Es gab Fälle, dass Kolchosenbauern die Ernten der privaten Bauern „enteigneten“ um die eigenen Ernteerträge aufzubessern. Einige private Bauern starben bei der Verteidigung ihrer Bauernhöfe. Schlussendlich durften private Bauern sogar legal Schusswaffen erwerben um sich verteidigen zu können. Dabei hat die Ukraine strikte Gesetze gegen den Besitz von Schusswaffen. Dennoch waren viele Bauern zum Waffeneinsatz nicht bereit. Ein Bauer, dem der Kuhstall böswillig abgefackelt wurde, erzählte, dass er nicht auf alle Mitbewohner schießen könnte, die er für die Brandstiftung verantwortlich macht. Der eigentliche Täter wurde niemals gefunden, nur die Fackel, die benutzt wurde um das Feuer zu legen.

Ein schottischer Bauer in Ukraine

Peter Thompson, ein Absolvent der landwirtschaftlichen Universität von Edinburgh, ist ein Bauer aus Tradition. Seine Familie bewirtschaftete über 400 Jahre ein Bauernhof in Schottland. Vor ungefähr acht Jahren kam Thompson in die Ukraine. Ein Mann der das was er macht stets gründlich macht. So lernte er innerhalb des ersten Jahres seines Aufenthaltes die ukrainische Sprache. Thompson gefiel dieses Land zweifelsohne: Er heiratet, bekommt mit seiner ukrainischen Ehefrau einen Sohn und kaufte ein Haus nicht weit von der Stadt Boryspil. Beruflich berät Thompson in Sachen Landwirtschaft, sein Rat ist sehr gefragt.

Peter Thompson lernte viel von Möglichkeiten und Zustand der ukrainischen Landwirtschaft. Er unterstütze ein britisch finanziertes Projekt, das sich mit Gemüseanbau in der Region Boryspil befasste. Später arbeitete Thompson für eine private Gesellschaft, die nach langem Kampf mit den Behörden, ein 550-Hektar-Stück Land in der Terbovlyansky Region, Ternopil Oblast, für den Anbau von Zuckerrüben erwarb. Die Gesellschaft machte sich moderne Technologien zu Nutze und erklärte die Verwendung auch den lokalen Bauern. Trotz der Tatsache, dass das Land keinen sehr fruchtbaren Boden hatte, war der Ertrag zufrieden stellend. Ein viel versprechender Grundstein war gelegt, aber die Gesellschafter berücksichtigten sehr bestimmte lokale Umstände nicht. Ukraine ist nicht Schottland. Die Ernte wurde an die nahe liegende Zuckerfabrik geliefert. Die Zuckerfabrik war allerdings beim Erdgas-Lieferanten haushoch verschuldet. Der Gashändler reichte somit eine Klage bei der örtlichen Oblast-Verwaltung ein und die Zuckerfabrik wurde zur Zahlung einer Geldstrafe und der Schulden verdonnert. Die Hälfte der Zuckerproduktion stand der Anbau-Gesellschaft zu. Aber die Zuckerfabrik überlebte nicht.

Peter Thompson nannte es „eine Entgleisung“ und „einen Akt von willkürlicher Entscheidung“. Aber sein Zorn hat sich inzwischen gelegt. Heute lässt er sich nicht mehr von den Gesetzeswidrigkeiten in Ukraine überraschen. In acht Jahren hat er viel gelernt. Heute ist Thompson Angestellter des amerikanischen Landmaschinenherstellers Massey Ferguson. Und er sieht nicht mehr wie ein Bauer aus. Thompson trägt Anzug, unterhält ein modernes und repräsentatives Büro. Seine Erfahrungen und sein Wissen sind für die ukrainischen Bauern von großem Nutzen. Aber ein eigenes landwirtschaftliches Unternehmen riskiert der Schotte in der Ukraine nicht mehr. Jedenfalls nicht im Moment.

Langsames Tempo

Nach den ersten Gesetzen zur Privatisierung der Landwirtschaft hat der Staat die Bauern schnell vergessen. Offenbar hoffte die Regierung in Kiew auf ein Wunder und alle Dinge regelten sich von selbst. Viele Stimmen in der Ukraine warnten vor einer drohenden Misere in der Landwirtschaft. Viele private Bauern gingen Bankrott. Zu hohe Steuern und eine mangelhafte Bereitschaft zur Finanzierung. Welcher Bauer kann schon Sicherheiten vorweisen, außer seinen maroden Maschinen?

Das ukrainische Parlament hat es versäumt, eine ordentliche Landreform zu verabschieden. Denn nur dann, wen die Bauern auch Eigentümer des Landes sind, besteht die Aussicht auf eine langfristige Finanzierung. Was die Ukraine bisher hat, ist nur ein präsidialer Erlass aus dem Dezember 1999. Trotzdem sind Beobachter der Meinung, dass dieser Erlass einen positiven Beitrag zur Entwicklung der privaten Landwirtschaft gebracht hat. Über 1.300 neue private Bauernhöfe sind seitdem entstanden. Aber es ist nicht genug um die ganze Ukraine zu versorgen. Die privaten Bauern liefern nur 7% der gesamten Nahrungsmittelproduktion in der Ukraine. Aber fast 60% der Nahrungsmittel erzeugen die privaten Haushalte auf dem Lande. Jede Familie bestellt ihr eigenes kleines Feld. Und fast keine Dacha ohne ein Kartoffel- und Gemüseanbau. Die meisten Lebensmittel werden für den eigenen Bedarf angebaut. Die Überschüsse auf den am nächsten gelegenen Markt angeboten.

Alles in allem halten die privaten Bauern nur 19% der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Ukraine. Die privaten Bauernhöfe sind im Schnitt 50 Hektar groß und 90% der Betriebe arbeiten gewinnbringend. Die erfolgreichsten Bauern sind jene, die Gemüse, zumeist Kartoffeln, anpflanzen. Fleisch wird zumeist von Kleinbauern und Privatleuten erzeugt. Nach der Wende schienen private Bauernhöfe ein sicherer Weg zu großen Reichtum und Wohlstand zu sein. Die Hoffnung, freie Bauern würden die landwirtschaftlichen Träume der Ukraine erfüllen, scheiterten am Widerstand der alten Seilschaften. Reformen kommen nur im Schneckentempo voran. Symptomatisch für alle Teilen der ukrainischen Gesellschaft. Trotzdem sind die ukrainischen privaten Bauern keine fixe Vorstellung, kein Mythos – sie sind real existent und sie arbeiten.
Leonid Mikhailov, der Bauer am Anfang dieser Reportage, ist beispielhaft für den ukrainischen Ackerbau. Er weiß sein Land richtig zu behandeln. Auf 5 Hektar werden Kartoffeln angebaut und auf der restlichen Fläche wachsen Gräser und andere grüne Kulturen um Humus zu bilden. Wenn das Land genügend Humus aufgebaut hat, wird er anfangen das Land zu nutzen. In der Zwischenzeit bildet Mikhailov Landwirte aus. Dafür schickt er seine „Schüler“ auch ins Ausland – um Erfahrungen zu sammeln und um Geld für die heimischen landwirtschaftlichen Investitionen zu verdienen. Von solchen Leuten wie Mikhailov bräuchte die Ukraine viel, viel mehr.