Mit dieser persönlichen Geschichte möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in das bunte Künstlerviertel von Kiew geben. An diesen Ort wurde die Idee geboren und der praktische Grundschein gelegt: Für die Kunstgalerie „tapatapatu“.

Ein Aushängschild der Stadt Kiew ist Andrewski Spusk (Andreas Abstieg). Als Ausländer war man nicht wirklich in Kiew, ohne die Straße besucht zu haben. Hier bieten Künstler und Handwerker aus der ganzen Ukraine (teilweise sogar aus Russland) ihre Werke und Produkte zum Kauf an. Der Straßenzug beginnt an der Andreas-Kirche und zieht sich den Andreas-Hügel herunter nach Padol – dem ältesten Stadtteil Kiews. Schon auf Vladimirskaja, praktisch der Hauptstraße vor der Andres-Kirche, stehen links und rechts vom Straßenrand die Maler und Händler. An zahlreichen Ständen wird handwerkliches Kleinod neben sowjetrussischen Reliquien angeboten. Von der weltberühmten Matruschka (Mütterchen) in allen Größen, Farben und Varianten, bis hin zur Armee-Mütze und Lenin-Fahne. Finden und entdecken kann man viel und kaum ein Ausländer gibt auf Andrewski Spusk nicht ein paar Dollar, Euro oder Griwnja aus.

Kunstvoll verzierte Schmuckkästchen, Holzbesteck und typisch ukrainische Holzteller aus den Karpaten, Töpferarbeiten und Steingut, Ledertaschen und Lederschmuck, traditionell bemalte und bestickte Stoffe – aus allen Teilen der Ukraine. Briefmarken, Münzen, Abzeichen und Orden werden ebenso gehandelt wie alte Fotos und alte Kameras. Daneben reproduzierte Armeeabzeichen, Fliegeruhren, Blechschilder und allerlei bunter Krimskrams aus Glas und Plastik. Zuweilen kann man auch Hunde und Katzen erwerben – lebend versteht sich. Irgendwie wird so ziemlich alles als original ukrainische Handwerkskunst angeboten und verkauft. Jeder Händler versucht zu überzeugen, das seine Ware selbst gemacht und sowieso die beste der Ukraine ist. Na ja, Handwerkskunst – mehr oder minder sicher – aber alles ukrainisch? Da habe ich so meine Zweifel. Vor allem, seitdem ich im letzten Frühjahr ein Schachspiel für meinen Sohn kaufen wollte.

Die Auswahl an Schachspielen ist hier ebenso überwältigend wie es Varianten von Matruschken gibt. Kein Wunder, Schach spielen ist in der Ukraine ein Nationalsport. In den Parkanlagen und Hinterhöfen Kiews finden sich in den wärmeren Jahreszeiten altgediente und betagte Sowjetbürger, die miteinander und vor allem gegeneinander Schach spielen. Aber ernsthaft, alle Schachspieler sind hoch gebildete Leute – kein Proletariat. Und da rollt der Rubel – kaum ein Spiel ohne Einsatz. Wo Geld fließt, ist die „Mafia“ nicht weit – selbst beim Schach. Fremde Talente sollten demzufolge nicht allzu oft gewinnen.

Endlich hatte ich mich für eine schöne Ausführung entschieden – mein Sohn sollte wirklich große Augen machen. Als Anna mich schließlich auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Die so repräsentativ aufgestellten Schachfiguren entstammten nämlich modern laminierten Schachteln. Diese hat sie so ganz nebenbei entdeckt. Kaum zu überlesen: Made in China. Nix war mit kunstvollen Schnitzereien aus den Karpaten. Nur billige Importware. Selbst beim Bescheißen hat man sich keine Mühe gegeben. Wirklich schade! Trotzdem oder gerade deswegen: Andrewski Spusk hat seinen ganz besonderen Reiz und wer die Zeit hat, sollte unbedingt am Wochenende hier sein. Unter der Woche stehen fast nur Händler auf Andrewski Spusk und bieten Handwerkskunst und Malerei in Kommission an.

Am Wochenende aber haben die wirklichen Künstler und Handwerker die Oberhand. Je schöner das Wetter umso bunter geht es auf dem Andreas Abstieg zu. Man trifft sich nicht alleine um zu verkaufen, sondern vor allem um untereinander Neuigkeiten und Begebenheiten auszutauschen. Hier entfaltet sich die slawische Seele und als Käufer kann man die besseren und freundlicheren Geschäfte machen. Wer genug Zeit mitbringt um die Gedanken und Sorgen der Künstler zu teilen, der bekommt am Ende einen besseren Preis für das Kunstwerk. Schwerpunkt auf Andrewski Spusk war und ist die Malerei. Schon vor über 100 Jahren haben sich die Künstler ihre Ateliers hier eingerichtet. Die Häuser in dieser Straße beherbergen auch heute noch in der Hauptsache Ateliers, Galerien und Museen. Der Handel mit Touristen entstand erst nach dem Zerfall der Sowjetunion. Touristen, vor allem aus Amerika und Westeuropa, sind die Hauptabnehmer von Matruschken, Schachfiguren und geklauten oder reproduzierten Armeeutensilien.

Obwohl der Betrachter auf Andrewski Spusk ein schier endloses Angebot an Ölgemälden vorfindet, habe ich in den letzten zwei Jahren nur eine Handvoll von tatsächlichen Verkäufen erlebt. Ich habe lange Zeit gebraucht um das System zu verstehen. Ausländische Touristen kaufen nur selten ein Gemälde. Manche schreckt schon der Papierkram ab – jedes Gemälde, das die Ukraine verlässt, benötigt nämlich eine Ausfuhrgenehmigung. Ohne Genehmigung gibt es am Zoll ein großes Affentheater. Ich habe das oft genug erlebt.

Reichlich abschreckender dürften allerdings die Preisforderungen der Händler sein. Die können in jede Richtung um 100 Prozent und mehr variieren. Je nach Laune, Wetter oder Promillestand des Verkäufers! Dabei beschwören die Händler – oder die Künstler direkt – dass sie täglich Bilder verkaufen. Natürlich in die ganze Welt. Nur heute hat man eben Glück und muss sich nicht in einer Schlange von Interessenten für ein Kunstwerk einreihen.

Die Künstler leben weniger vom Direktverkauf als vielmehr von Bestellungen die über Manager und Vermittler laufen. Das dennoch viele Maler auf Andrewski Spusk ausstellen ist eher eine Frage des Prestiges und ab und an wird ja doch ein Bild verkauft. So habe ich seit Beginn meiner Tätigkeiten in Kiew an die 150 Bilder auf Andrewski Spusk „eingesammelt“. Alle Kunsthändler und sehr viele Künstler kennen mich und wenn ich meinen Rundgang von Vladimirskaja aus starte, erwarten mich im Großen und Ganzen freundliche, erwartungsvolle Gesichter. Doch inzwischen habe auch ich meine Einkaufsstrategie geändert – Verhandlungen finden nicht mehr auf der Straße statt, und viele Händler beißen sich wohl deshalb in den Hintern. Schließlich war es ihre Preispolitik, die mich zum Umdenken bewegt hat. Dabei hatte ich immer gewarnt: die Kuh, die man melken kann, sollte man nicht schlachten.

Die Preisverhandlungen wurden immer langwieriger und komplizierter. Statt Einkaufs- oder Treuerabatt versuchten einige Händler mit jedem Bild den Preis zu treiben. Als dann noch die Umstellung von DM auf den Euro hinzukam, schlugen die Händler dem Fass den Boden aus. Durch den neuen Umrechnungskurs wurden sie regelrecht von der Angst getrieben, von mir beschissen zu werden. Sie trauten nicht einmal mehr meinem Taschenrechner. Das Geld war nicht echt, das Geld war nichts wert. Die pure Paranoia. Anfänglich machten auch die Wechselstuben Probleme mit dem Umtausch. Natürlich, die Banken versuchten die Unsicherheit zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Reiche Ukrainer kaufen niemals direkt ein, das gehört nicht zum guten Ton. Aber ich denke mir, Arroganz und aufgesetzte Sicherheitsbedenken der neureichen Ukrainer spielen die wesentlichere Rolle. Sie schicken ihre Leute vor oder beauftragen einen – in der Szene bekannten – Mittelsmann. Verhandlungen finden im Verborgenen statt. Viele Künstler erzählen mir, dass sie zwar große Aufträge von betuchten Ukrainern bekommen, oft das versprochene Geld aber nicht sehen. Angeblich bleibt es bei den Vermittlern hängen. Was stimmt, was nicht stimmt – ich habe keine Ahnung. Kaum ein Künstler auf Andrewski Spusk ist in der Lage sich selbst zu vermarkten – darum werden sie auch weiterhin immer den kleineren Anteil am Geldkuchen erhalten. Und sie werden weiterhin Kühe schlachten statt zu melken.

Genauso verkauft kaum ein Künstler direkt ins Ausland. Dazwischen sitzt immer ein Vermittler der den Löwenanteil kassiert. Umgekehrt verfügt selten ein Ausländer über direkte Kontakte zu den Künstlern. Trotzdem verändert sich etwas: die neu heranwachsende Künstlergeneration fängt an die Strukturen aufzubrechen. Ein anderes Selbstbewusstsein und das Internet machen es möglich. Und die wirklich talentierten Künstler verlassen über kurz oder lang ohnehin die Ukraine.

Live aus Kiew 2003