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Ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man in der Ukraine „RUSSIAN BUSINESS“ macht. Erlebt und erzählt von Anna Kanikowska. Um das „Feeling“ der Geschichte zu erhalten, habe ich den Text so wörtlich wie möglich niedergeschrieben.

Ich wollte einen Vertrag von Ukrainisch auf Deutsch übersetzen lassen. Dafür hatte ich einen fertigen Text aus einer Anwaltskanzlei bekommen. Alles wollte ich professionell haben – mit den genauen Redewendungen und Fachausdrücken. Deswegen habe ich gedacht, 20 US$ sparen retten mich nicht und ich investiere den Betrag in ein Übersetzungsbüro und bekomme alles fertig. In Kiew gibt es mehr als 40 offiziell registrierte Übersetzungsbüros. In der Nähe meiner Wohnung gibt es zwei Büros aber ich dachte mir besser in die Stadt fahren, wo es sicherlich die besten Büros gibt. So habe ich ein paar Büros auf Krestschatik angerufen, Preise und Geschwindigkeit waren immer dasselbe. So habe ich ein Büro in Nähe der U-Bahn ausgewählt.

Das Geschäft befand sich mit vielen verschiedenen anderen Firmen in einem historischen Gebäude, alles komplett renoviert und sehr repräsentativ. Ich trat in ein schönes Büro mit modernem Möbel. Der Wachdienst hat mich zur Geschäftsleiterin gebracht. Um das Büro der Geschäftsleiterin zu erreichen, musste ich durch den Raum, wo die Übersetzer saßen. Alle grüßten mich sehr freundlich. Von der Geschäftsleiterin bekam ich Kaffee oder Tee angeboten. Wir besprachen die Aufgabe, und ich sah die Arbeit in guten Händen. Ich war sehr beruhigt und hatte Hoffnung. Den Text habe ich im Büro gelassen und am nächsten Tag sollte ich das Ergebnis bekommen.

Am nächsten Tag – alle begrüßten mich wieder sehr freundlich – bekam ich den Text. In einer Spalte war der ukrainische Text und parallel in der anderen Spalte der deutsche Text. Sauberes Layout und Daten auf Diskette – ich musste eigentlich nur noch bezahlen. Das Geld hatte ich schon in der Hand. Aus Interesse habe ich begonnen zu lesen – ich wollte einfach nur wissen, wie die Profis alle Fachausdrücke übersetzen, denn für mich wäre das sehr schwierig gewesen. Ich habe einige Zeilen gelesen und dachte ich spinne. Das war eine ganz einfache Übersetzung mit einer Übersetzungs-Software. Grob, verdreht und für einen Deutschen entweder völlig unverständlich oder einfach zum Totlachen.

Ich steckte mein Geld zurück in die Tasche und die Geschäftsleiterin hatte sofort verstanden, dass sich Ärger unter dem Dach anbahnte. Sie rief nach dem Bewacher. Er kam und stellte sich so in die Tür, dass ich den Raum nicht verlassen konnte. Ohne Übergang sagte Sie zu mir, sie rufe jetzt die Polizei an. Die Situation wurde für mich äußerst beängstigend. Instinktiv machte ich zwei Schritte zurück. Ich kann mir vor wie im schlechten Film, gleich würde ich geschlagen werden.

Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte mit sehr ernster Stimme: „Wer hat das gemacht?“ Daraufhin rief die Geschäftsleiterin einen Mitarbeiter ins Büro – er war ebenso wie der Wachmann bestimmt zwei Meter groß und stellte sich neben ihn in die Tür. Mein Mut war wirklich am Ende, aber aus dem Fenster konnte ich auch nicht springen. Ich spielte mit dem Gedanken zu bezahlen und dann schnell wegzulaufen. Vor mir saß die grimmige Geschäftsleiterin und hinter mir zwei Gorillas mit versteinerten Gesichtern. Oh mein Gott, das war die Strafe, weil ich die Arbeit nicht selbst gemacht habe. In meiner Verzweiflung habe ich den Übersetzer auf Deutsch angesprochen: „Was soll das alles?“ Er sah mich mit bohrenden, und schließlich unverständlichen Blicken an und es entstand eine Pause. Dann wandte er sich an seine Geschäftsleiterin und sagte mit grober, emotionsloser Stimme: „Lass sie gehen“.

Ich wollte das Büro verlassen, aber der Wachmann ließ mich nicht so einfach raus, ich hatte noch den Text und die Diskette in der Hand. Er riss mir die Unterlagen aus der Hand, ließ mich aus dem Raum gehen und verfolgte mich schweigend bis zur Ausgangstür. Die Freundlichkeit war vorbei und alle schauten mir grimmig nach. Im Kopf hatte ich eine Szene aus einem alten sowjetischen Film, wo Partisanen erschossen wurden. Es hätte mich in diesem Moment nicht gewundert, wenn die Geschäftsleiterin „Feuer“ befehligt hätte. Endlich, die Ausgangstür wurde krachend hinter mir geschlossen, mit hastigen Schritten verließ ich das Treppenhaus – ich war endlich draußen. Die Geschichte hat aber auch eine positive Seite – ich hatte 20 US$ gespart.

Live aus Kiew 2001