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1.) Ich denke, man muss kein besonderer Hellseher sein um zu erkennen, das sich ein Begriff aus der heiligen Seefahrt zum Wort des Jahres 2009 entwickeln könnte. Die Abwrackprämie. Ab sofort schüttet unsere Bundesregierung pauschal 2500 Euro beim Neuwagenkauf aus. Vorausgesetzt: Man verschrottet seinen mindestens neun Jahre alten Vorgänger. Nun ja, 2500 Euro sind immerhin 10% des Kaufpreises für einen nagelneuen VW Golf. Oder sagenhafte 33 Prozent für einen robusten Dacia Sandero aus rumänischer Produktion. Bei der Abwrackprämie handelt es sich in erster Linie um Trennungsschmerzensgeld für das geliebte Altauto.

Doch die Abwrackprämie beschreibt vielmehr. Ich meine, was sind schon Worthülsen wie Bürgschaft, Finanzspritze oder Beteiligung in der maroden Bankenwelt? Wäre das Wort Abwrackprämie nicht wesentlich ehrlicher? Experten und Insider schätzen, das hierzlande bisher nur ein Bruchteil an wertlosen Zertifikaten aus US-Immobiliengeschäfte abgeschrieben wurden. Mit anderen Worten: In deutschen Bankbilanzen lauern noch einmal 1000 Milliarden Euro auf Abwrackung, äh Abschreibung. Da kommt noch etwas ganz gewaltiges auf uns Steuerzahler zu.

Deshalb würde ich mich an Eurer Stelle beeilen. Berlin hat die Abwrackprämie beim Neuwagenkauf nicht nur zeitlich sondern auch nominal begrenzt. Die Kohle reicht für knapp 600.000 neue Autos. Und wer zuerst kommt, der mahlt zuerst. Die Prämie muss beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle beantragt werden. Übrigens: Wer sich einen neuen Dacia zulegen möchte, dem wird der ganze Behördenkram vom Händler abgenommen.

P.S.

Die Prämie erhält nur, wer ein mindestens neun Jahre altes Auto verschrottet, das zumindest ein Jahr in seinem Besitz war, und dafür einen Neu- oder Jahreswagen kauft. Der alte Wagen muss also erstmals vor dem 14.01.00 zugelassen worden sein. Stichtag für den Kauf und die Zulassung des Neuwagens oder Jahreswagens ist der 14.01.09. Außerdem muss der Neuwagen mindestens die Euro-IV-Norm für den Schadstoffausstoß erfüllen. Die Laufzeit endet am 31.12. dieses Jahres.

2.) Noch ein Nachschlag zum Thema: Für ein Kind gibt es 100 Euro, für ein altes Auto 2500 Euro. Das zeigt, wie zukunftsorientiert und sozial in unserem Land gehandelt wird. Dabei steht die deutsche Autoindustrie nicht mit leeren Händen da. Derzeit findet in Detroit eine internationale Autoshow statt und Deutschland demonstriert was heute möglich ist. Ganz gleich ob Audi, BMW, Mercedes oder Volkswagen, die Botschaft ist eindeutig: Sparen macht Spaß. Und ganz offenbar kommt der Slogan beim amerikanischen Publikum an.

Weniger Spritt verbrauchen und nicht wie ein Sparmobil aussehen. Zum Beispiel die neue E-Klasse (obwohl in Detroit noch nicht offiziell ausgestellt): Bei den Benzinern verspricht Mercedes dank Direkteinspritzung und Motoren mit geringerem Hubraum einen um 20 Prozent niedrigeren Verbrauch als beim Vorgängermodell. Ein sauberer Dieselmotor mit 170 PS Leistung begnügt sich mit Durchschnittsverbräuchen schon ab 5,5 Liter pro 100 Kilometer. Ähnliche Leistungen vollbringen alle deutschen Hersteller.

In den USA kann keiner der drei großen Autobauer mit Deutschland gleichziehen. Nun soll ausgerechnet Fiat mit einer 35-Prozent-Beteiligung dem Chrysler-Konzern aus der Patsche helfen. Dabei wendet Fiat keinen einzigen Cent auf. Kommt die Allianz tatsächlich zustande würde Fiat ausschließlich strategische Assets einbringen: So ist es vorgesehen, dass Chrysler durch die Zusammenarbeit mit Fiat Zugang zu wettbewerbsfähigen, spritsparenden Fahrzeugplattformen, Motoren und Komponenten erhält.

In der Autobranche wird sich noch sehr viel tun. Da wirkt die Abwrackprämie wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Bestenfalls ein psychologisches Mittel um die Ausmaße der anstehenden Umbrüche zu verdecken. Die Autobauer in der ganzen Welt müssen konsolidieren und Überkapazitäten abbauen. Das gilt auch für Deutschland, wo jeder siebte Arbeitsplatz am Autobau hängt. Nach Mercedes schickt nun auch BMW und Volkswagen seine Mitarbeiter reihenweise in die Kurzarbeit.

3.) Die Abwrackprämie (eigentlich eine Umweltprämie) ist das erfolgreichste und gleichzeitig umstrittenste Instrument des staatlichen Konjunkturpakets. Dabei ebbt der Ansturm auf die Abwrackprämie langsam ab. Bis Mitte April gingen über 1,2 Millionen Anträge beim zuständigen Bundesamt für Wirtschafts- und Ausfuhrkontrolle ein. Das Geld im Fördertopf reicht voraussichtlich für weitere 800.000 Anträge, nachdem die Bundesregierung das Budget nachträglich auf fünf Milliarden Euro aufgestockt hatte.

Der Boom, den die Autohändler derzeit beim Verkauf von Kleinwagen erleben, hängt ohne Zweifel mit der staatlichen Prämie zusammen. Die Abwrackprämie hat eine gewisse Kaufhysterie ausgelöst und so manchen klaren Gedanken vernebelt: Die Abwrackprämie richtet sich in erster Linie an diejenigen, die sich ohnehin in absehbarer Zeit ein neues Fahrzeug zulegen wollten. Jeder Neuwagenkäufer sollte also prüfen, wie viel sein Altfahrzeug wirklich noch wert ist. Gerade Oldtimer und Youngtimer gehören nicht in die Schrottpresse, sondern in die Hände von Liebhabern.

Unabhängig von der staatlichen Förderung werden in Deutschland jedes Jahr im Schnitt drei Millionen Neufahrzeuge zugelassen. Bei einen Fahrzeugbestand von insgesamt 41 Millionen PKW in Deutschland ist und bleibt die Abwrackprämie eine kurzlebige Subvention. Ein Wahlkampfgeschenk für ausgesuchte Schichten des Volkes. Den hierbei entstandenen Schuldenberg tragen wir alle ab.

4.) Was wurde nicht schon alles zum Thema Abwrackpränmie geschrieben? Nicht zuletzt von mir. Mit dieser Form der Subvention und Wettbewerbsverzerrung feiert die Bundesregierung einen schnellen Erfolg. Was sind schon läppische 5 Milliarden Euro plus Kosten und Zinsen, im Vergleich zu den Hilfspaketen für deutsche Banken? Mögen die deutschen Exporte in diesen Tagen einbrechen, zumindest die Idee der Abwrackprämie ist ein echter Exportschlager und erobert die Welt: Frankreich, Spanien, Italien, Großbritanien, Österreich, Japan sogar die USA … und die Liste ist keineswegs vollständig.

Im Herbst sind Bundestagswahlen und schon bald sind die Mittel für diese Konsumsubvention ausgeschöpft. Dann erfolgt das böse Erwachen für die Autoindustrie. Und ich muss kein Wirtschaftsexperte sein um mir die Folgen auszumalen: Der Branche droht ein jäher Absturz und eine lang anhaltende Krise. Die meisten Käufer haben angesichts des Staatszuschusses die Anschaffung eines Autos lediglich vorgezogen. Dafür muss ich nur in meinen Bekanntenkreis schauen Neue Nachfrage wird durch die Abwrackprämie keineswegs geschaffen.

Das die Nachfrage im Ausland den Rückgang auf dem deutschen Automarkt kompensieren wird, halte ich für ausgeschlossen. Die globale Rezession ist im kommenden Jahr nicht am Ende. Der Schock über die Ausmaße der Finanzkrise sitzt tief. Sehr tief. Der große „Bang“ liegt noch nicht mal ein Jahr zurück, ich meine damit, als Lehman Brothers vor die Hunde ging. Seither senken Notenbanken die Zinsen und pumpen unglaubliche Geldmittel in die Wirtschafts. Nur kommt das Geld weniger der realen Wirtschaft und noch weniger dem Konsumenten zu gute.

Vielmehr versumpfen Milliarden in den Kassen der Banken. Weil Banken nur zögerlich Kredite vergeben, kursieren die billigen Gelder an den Börsen dieser Welt und treiben u.a. den Preis für Erdöl kräftig nach oben. Spekulation, weil Geld im Überfluss vorhanden ist. Nichts, aber auch gar nichts hat sich in der Bankenwelt verändert.

Zurück zum ursprünglichen Thema. Die staatliche Abwrackprämie ist ein Strohfeuer und vernebelt uns die Sicht auf die bittere Wahrheit. Die Autoindustrie muss ihre Produktionskapazitäten reduzieren. Das bedeutet konkret: Werke müssen geschlossen und Mitarbeiter entlassen werden. Eine echte Trendwende am Automobilstandort Deutschland kann es aus meiner Sicht nur mit neuen und effizienten Fahrzeugen geben. Und die bitte eine Nummer kleiner als bisher. Vielleicht sind Autos dann wieder bezahlbar, auch ohne Abwrackprämie.