Über das Thema Putzfrauen könnte ich hier viel schreiben, denn ich habe 10 Jahre Erfahrung in der Gebäudereiniger-Branche hinter mir. Vielleicht werde ich eines Tages mehr über dieses Thema schreiben, aber jetzt habe ich noch nicht die notwendige Distanz dazu. Wie dem auch sei. Die Reinigungskräfte in deutschen Büros und Geschäften verhalten sich in der Regel leise und eher unterwürfig. Eigentlich nimmt man sie vielfach nicht wahr, denn sie reinigen am Abend oder in der Nacht, wo Büromenschen oder Kunden längst zu Hause sind und den Feuerabend genießen. Anders meine Erfahrungen in Kiew:

Die Putzfrauen dort verrichten ihre wichtige Arbeit am Tag. Und im Grunde sind es fast immer ältere Babuschka mit oder ohne Kopftuch. Aber ganz sicher mit Kittelschürze, darunter selbstgestrickte dicke Wollpullover nebst gleichartiger Wollsocken, dazu kräftiges Schuhwerk. Im Sommer fehlt eigentlich nur der Wollpullover. Aber gut. In dieser vollen Montur stampfen und schnaufen die dienstleistenden Damen durch die Geschäftsräume.

Bewaffnet mit einem Metalleimer, einen Schrubber und einen Putzlumpen. Im stets gleichen Rhythmus wird der schwarzgraue Putzlappen mit Hilfe des Schrubbers über den grauschwarzen Betonboden geschrubbt. Das einstufige Nass-Wisch-Verfahren wird dann unterbrochen, wenn mit großer Kraftanstrengung der Putzlumpen zum Ausspülen in den Wassereimer getaucht und wieder rausgezogen wird. Ich weiß, dass alles interessiert niemanden. Das fällt auch nur mir auf – wegen meiner besagten Erfahrung in dieser Branche.

So ergab es sich, das ich in einem Laden für Elektrozubehör zwei neue Sicherung besorgen sollte. Der Laden war voll mit Kunden, die Auswahl an Waren typisch ukrainisch und eine Babuschka war dabei, den grauschwarzen und ziemlich zerklüfteten Betonboden zu wischen. Sie zog oder drückte mit Gewalt „stampf“ und „schnauf“ ihren zerfetzten Scheuerlappen über die Gangflächen. Mit bösartigen Knurren wischte sie um die Leute herum und kann immer näher in meine Richtung. Kurz vor mir kam die Reinigungskraft, wie eine bremsende Lokomotive, zum Stehen. Putzlumpen ausspülen war angesagt.

Plötzlich macht es kräftig „platsch“ und zwar genau vor meinen Füßen. Der Zorn stieg mir ins Gesicht, schließlich waren meine Schuhe und ansatzweise meine Hose jetzt echt versaut. Babuschka hat mir ihren Putzlumpen vor die Füße geschmissen. Herausfordernd stand sie nun da und war bereit, den Weg freizukämpfen. Ich sagte so etwas wie „Scheiße“ aber Babuschka drückte mir mit ihren Besen den Lumpen vor die Füße, ganz nach dem Motto: „Weg da, ich will vorbei“. Instinktiv trat ich einen großen Schritt zur Seite und die jetzt besonders eifrige Babuschka drückte ihren Lumpen und sich selbst, wie ein Panzer, an mir vorbei. Etwas verdattert schaute ich der Putzfrau nach, die allen Dreck der Welt vor sich herzuschieben schien: Sieht man mir etwa an, dass ich selbst eine Horde dieser speziellen Spezies „Putzfrau“ beschäftig hatte? Zuvor jedenfalls hat sie um die Leute herumgewischt.

Die Sicherungen, welche ich dann noch mit viel Hand- und Fußsprache (trotz Muster, welches ich vorsorglich mitgebracht hatte) gekauft habe waren übrigens funktionsuntüchtig, weil ganz einfach kaputt. Alle Beide.

Live aus Kiew 2003