Anfang Mai, lila Blüten, Botanischer Garten. Klingt etwas langweilig, oder? Dabei gibt es im Botanischen Garten von Kiew viel mehr zu entdecken, als nur den „obligatorischen“ Flieder. Viele Kiewer Bürger nutzen den Ort für eine kleine Frühjahrswallfahrt. Der Botanische Garten in Kiew entstand in der kurzen Zeit der Unabhängigkeit (1918 bis 1919) der Republik Ukraine. Der Garten wurde zum integralen Bestandteil der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Aber erst nach 1944 wurde der Botanische Garten richtig ausgebaut. Heute erstreckt sich das Gebiet über 200 Hektar auf den sanften Hügeln östlich des Dnepr und stellt ein Juwel in Kiews „Grüner Krone“ dar. Ein wunderbarer Ort, um einen Nachmittag in der Hauptstadt zu verbringen.

Vielleicht unvermeidlich, wird der Besucher anfänglich zu den prächtigen lila Blüten des „Hängenden Gartens“ gelockt. Die Blütenpracht erstreckt sich kaskadenförmig in Richtung des Mykhaylivsky-Vydubytsky-Klosters; bis an die Ufer des Dnepr. Die Blütenpracht bewegt sich sanft im Wind, aber es mag trotzdem keine wirkliche Ruhe aufkommen. Denn zahlreiche Besucher, Schulkinder und glückliche Familien teilen sich diesen großartigen Anblick. Dennoch finden sich auf dem weiten Areal einsame „Flecken“, wo sich etwas Ruhe und Einkehr finden lässt. Der Garten ist so entworfen, dass sich unterschiedliche Klimazonen wieder spiegeln. So kann man die Welt Westsibiriens erkundet, die vielfältige Pracht aus dem Fernen Osten erahnen und die Ruhe des Kaukasus genießen. Innerhalb einer Stunde erlebt man die feinen Änderungen in der Luft, hervorgerufen durch die unterschiedliche Vegetation. Die Pflanzen – für diese prachtvolle Ausstellung – wachsen in eigenen Gewächshäusern, die zum Forschungszentrum des Botanischen Garten gehören. Ebenso werden von hier aus die gesamten Grünanlagen der Stadt bestückt, nicht zuletzt laufen hier landesweite Projekte zusammen.

Obwohl der Botanische Garten am frühen Abend schließt, ist prinzipiell ein Besuch bei Nacht möglich. Von Seiten des Dnepr ist nur ein niedriger Zaun zu überwinden. Natürlich ist das nicht ganz rechtens. Aber auf jeden Fall ist der Garten dann ein subtropisches Wunderland in einer moschusartigen Sommernacht. Die Luft, angereichert mit Pollen und üppigen, frischen Düften – dazu exotische Geräusche von Insekten und Vögeln – dass alles inspiriert Liebespaare zum exotischen Spiel vor Ort.

Wirklich ärgerlich wirkt sich ein anderer menschlicher Zug aus: In der Nacht sind auch die Pflanzendiebe unterwegs. Oft sind es nur Männer, die ihre Frauen mit schönen Blumen beeindrucken wollen. Allerdings hat der Pflanzenklau inzwischen „organisierte“ Ausmaße angenommen. Seit der Perestroika-Ära und dem Dacha-Boom, ist der Diebstahl von Setzlingen ein ständiges Problem. Und wer weiß, ob schlecht bezahlte Mitarbeiter nicht einen schwunghaften Handel mit Pflanzen betreiben?