Gefühlte Inflation
Das mit der Inflation ist so eine Sache. Das Bundesamt für Statistik erklärt uns, die Verbraucherpreise sind im Jahr 2010 um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Ein guter Wert und deutlich unter den durchschnittlichen Teuerungsraten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Aber das Gefühl sagt uns etwas vollkommen anderes. Die Preise steigen und es wird für uns immer teurer. Was stimmt den nun? Ich habe ein wenig in den Statistiken rumgewühlt und dabei folgendes zum Vorschein gebracht:
In 2010 sind folgende Produkte billiger geworden:
- 7,5%: Digitaler Camcorder
- 7,6%: ASU bei PKW mit Otto-Motor
- 7,9%: Ananaskonserve
- 8,0%: Pflanzenöl
- 8,7%: Digitalkameras
- 9,2%: Notebooks
-12,4%: Software
-14,8%: DVDs und Videos
-17,5%: Fernseher
-25,1%: Hörbücher auf CD
Das sind schon beeindruckende Zahlen. Allerdings fahre ich mein Auto nur alle zwei Jahre zur Abgasuntersuchung, einen neuen Computer kaufe ich vielleicht nach drei Jahren. Und meinen Fernseher habe ich kürzlich ausgetauscht, nachdem das alte Röhrengerät mehr als ein ganzes Jahrzehnt im Wohnzimmer stand. Ich denke mal, so ähnlich geht es uns allen. Und nun schauen wir mal auf die täglichen Ausgaben:
+26,7%: Zwiebeln
+27,1%: Kartoffeln
+27,4%: Wirsingkohl
+28,5%: Leichtes Heizöl
+28,5%: Kopf- & Eisbergsalat
+31,0%: Nüsse & Backzutaten
+31,2%: Gurken
+39,7%: Blumenkohl
+41,4%: Paprikaschoten
+52,0%: Tomaten
Aber hallo, das die Energiepreise Achterbahn fahren ist keine neue Erkenntnis und im Zweifel erinnert uns der Nachrichtensprecher an den steigenden Rohölpreis je Barrel. Die gefühlte Inflation resultiert also vom täglichen Einkauf im Supermarkt.
Deutschland ist kein armes Land und die Lebensmittelpreise sind noch moderat. Doch steigende Preise für Lebensmittel werden weltweit zum Problem. Und es macht einen gewaltigen Unterschied, ob die Fleischpreise steigen, nur weil immer mehr Chinesen oder Inder sich Fleich leisten können - oder ob die Preise für Mais, Reis und Weizen anziehen. Letzteres trifft die armen Menschen zu allererst und soziale Unruhen sind vorprogrammiert.
Ersaufen im Geld
Die Europäische Zentralbank flutet den Finanzmarkt weiterhin mit Geld: Zum ersten mal in der Geschichte dürfen sich private Bankhäuser und Sparkassen bei der Notenbank für ein ganzes Jahr unbegrenzt Geld ausleihen, zum sagenhaften Zinssatz von nur noch einen Prozent! In Folge verteilte die EZB gestern rund 442 Milliarden Euro an über 1100 Banken in der Eurozone.
Inzwischen ersaufen die Banken im angehäuften Geld. An der Liquidität kann es also wirklich nicht liegen das Kredite, insbesondere an Kleinunternehmen, nur übervorsichtig oder gar nicht ausgegeben werden. Ebensowenig nachvollziehbar ist, warum die privaten Kunden nach wie vor für ihre Schulden hohe Zinsen berappen müssen. Die von der EZB erwünschte Entlastung erreichen weder die Kleinunternehmer noch den den privaten Verbraucher. Gewinner? Die Banken!
Neben den Banken gibt es noch einen Gewinner der aktuellen Geldpolitik: Schließlich nützt die hohe Liquidität und der niedrige Zins vor allem dem größten Schuldenmacher überhaupt: Der Bundesregierung! Alleine die Neuverschuldung im kommenden Jahr dürfte bei mindestens 70 Milliarden Euro liegen. Risiken aus Bürgschaften (z.B. Hypo Real Estate) sind in der veranschlagten Summe nicht enthalten. Die Neuverschuldung in 2011 und 2012 dürfte ähnlich hoch ausfallen.
Mit der Bankenkrise hat sich nichts verändert. Der Hochmut in den Geldhäusern ist geblieben und wird aus ganz praktischen Gründen weiter untermauert. Gleichzeitig geblieben ist die naive Gutgläubigkeit der Privatkunden. Sie lassen sich – Guthaben selbstverständlich vorausgesetzt - in der Mehrheit mit minderwertigen Bankprodukten und dümmlicher Anlageberatung abspeisen.
Ausgesprochen arm dran sind Kunden mit notorischer Schuldenlast, ich spreche dabei weniger von den Hypothekenfinanzierungen, als vielmehr von Belastungen aus Konsum- und Dispokrediten. In dieser Sparte machen die Banken durch hohen Zins und Kombigeschäfte den maximalen Profit. Nur das Investment-Banking verspricht eine höhere Marge. Aber: Gnade ihm Gott, wenn ein Privatkunde seine Bankschulden aufgrund der Wirtschaftskrise nicht mehr bedienen kann. Da reicht schon mal die Kurzarbeit aus, um einen laufenden Kredit zum platzen zu bringen. Staatshilfen wird so ein Schuldner nicht in Anspruch nehmen können.
Um auf den Ursprung meiner Überlegung zu kommen: Was war noch mal in den USA der Auslöser für die globale Finanzkrise? Ach ja, die amerikanische Notenbank hat nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York die Zinsen dratisch gesenkt und jede Menge Geld in die Wirtschaft gepumpt, gepumpt und gepumpt. Na super! Und schon rollt die nächste Krise in Form einer massiven Geldentwertung auf uns zu.
Der Euro stabiler als die DM
Der Euro hat sich in den ersten zehn Jahren seines Bestehens als überaus stabil erwiesen. Im langfristigen Vergleich sogar stabiler als die gute alte D-Mark. Während der Euro seit seiner Einführung 1999 im Jahresdurchschnitt eine Geldentwertung von 1,6 Prozent aufweist, verlor die D-Mark im Laufe ihres Bestehens im Schnitt knapp 3 Prozent Kaufkraft jährlich.
Derzeit ist die Inflation in Deutschland auf dem Rückzug. Im März 2009 sank die Inflationsrate auf nur noch 0,5 Prozent. Angesichts der weltweit expansiven Geldpolitik keimen zwar immer wieder Inflationssorgen auf, Voraussetzung für eine höhere Inflationsrate wäre aber zunächst eine merkliche wirtschaftliche Erholung. Denn im Abschwung sind Preiserhöhungen durch Unternehmen oder kräftige Lohnsteigerungen nur schwer durchzusetzen.
Gold gab ich für Eisen
Um den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren apellierte Prinzessin Marianne im Jahre 1813 an alle Frauen in Preußen, ihre Eheringe aus Gold gegen solche aus Eisen einzutauschen – mit der Aufschrift „Gold gab ich für Eisen“. 1914 tauschten unsere Urgroßeltern schon nicht mehr so ganz freiwillig Geld und Gold gegen Staatsanleihen - die schnell zu Asche zerfielen. Es folgte eine Hyperinflation, die Papiergeld so wertlos machte wie die Zeitung von gestern.
Der Blick auf jene düsteren Zeiten relativiert unser Kriesengerede von heute. Wie viele Tränen sind schon zwei Prozent negatives Wirtschaftswachstum wert? Bisher sind Krisensitzungen, schnell aufgespannte Rettungsschirme, bunt gezimmerte Konjunkturpakete und eine monströse Staatsverschuldung eher Thema für nette Talkrunden bei Anne Will oder Maybrit Illner.

Aber was passiert wirklich mit unserem Geld, wenn die Staatsverschuldung in nie da gewesene Dimensionen ansteigt? Noch freuen wir uns über sinkende Preise für Energie und Lebensmittel. Faktisch eine Deflation. Am langen Ende wird sich die Staatsverschuldung allerdings nur noch durch Geldentwertung vermindern. Was jetzt kurzfristig und mit aller Macht an frischer Liquidität in die Märkte gepumpt wird, bildet den Grundstein für eine massive Inflation.
