Im havarierten Block 4 schlummert der geschmolzenen Reaktorkern, also tonnenweise hochradioaktives Material. Der alte Sarkophag ist müde und eine neue Schutzhülle nimmt bisher nur schleppend Gestalt an. Doch Tschernobyl hat noch viel mehr Probleme, so zum Beispiel die Kühlbecken: 98 Millionen Kubikmeter Wasser, verteilt auf eine Fläche von rund 23 Quadratkilometern! Primär hat der riesige Wasserkreislauf die Atomkraftwerke gekühlt. Gleichzeitig diente das Netzwerk aus künstlichen Becken und Kanälen als Transportweg. Nicht zuletzt nutzte man die Gewässer, bis zum Unglückstag im April 1986, zur Fischzucht.

Nachdem Ende 2000 der letzte Reaktor abgeschaltet wurde, sind die Kühlbecken heute ohne Funktion. Aber nach wie vor verschlingt das Wassersystem Unsummen an Geld für die Instandhaltung. Nun könnte man auf die Idee kommen, das Wasser im Beckensystem – berechnet und dosiert – in den benachbarten Fluss Pripyat abzulassen. Doch so einfach geht das nicht. Im Bodensediment der künstlichen Gewässer befinden sich hohe Konzentrationen an Radionukliden und das Wasser wirkt wie eine natürliche Barriere. Ohne die Wasserschicht könnten Cäsium und Strontium in die Atmosphäre gelangen.

Im Gegenteil wäre es eigentlich erforderlich, dem System frisches Wasser zuzuführen. Über die Jahre hinweg haben die Becken an Wasser verloren und der aktuelle Wasserstand ist zu niedrig. Die Betonwände erodieren und geben radioaktive Stoffe frei. Schlimmer noch: Ein Dammbruch könnte zu einer gigantischen Überschwemmung der Umgebung führen und die Flüsse Pripyat und Dnjepr mit radioaktiven Stoffen kontaminieren. Die Verantwortlichen tüfteln an einer Lösung. Ein kontrollierter Wasserhaushalt in Kombination mit einem stellenweisen Rückbau der Becken und Kanäle scheint optimal.

Die langfristige Wassersenkung lautet das Ziel. Zumindest bis auf die Ebene des Pripjat-Flusses, der Wasserspiegel im System liegt 6 Meter über dem natürlichen Flusslauf. Die Wassersenkung im Beckensystem senkt auch den Grundwasserspiegel. Eine wichtige Überlegung insofern, da der radioaktive Kern von Reaktor 4 im Boden und nur knapp über dem Grundwasserspiegel liegt. Doch alles Ideen und Maßnahmen kostet Geld, sehr viel Geld. Auch so ein Problem für Tschernobyl.