Thomas Kristan Das Risiko zu scheitern ist nicht größer als die Chance zu gewinnen!

4Jan/060

Ungebliebte Geldverleiher

Dass im Mittelalter alle Juden Geldverleiher gewesen seien und aufgrund des kirchlichen Zinsverbots im Umkehrschluss alle Geldverleiher Juden, ist eine stereotype Vorstellung von der Stellung der Juden in der christlichen Gesellschaft des Mittelalters. Ein Klischee, das sich vom Vorwurf gegenüber den Juden zum Erklärungsmuster für deren Verfolgung weiterentwickelt und dabei seinen Vorurteilscharakter bewahrt hat.

So schreibt der Brockhaus:

„Da Juden vom üblichen Berufsfeld des Handwerkers und Gewerbetreibenden ausgeschlossen waren, waren sie darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt durch Geldgeschäfte, vor allem durch den Geldverleih gegen Faustpfänder und Zinsen, zu bestreiten. Die hierdurch bewirkte Verschuldung breiter Bevölkerungskreise verschärfte die bereits bestehenden Aversionen, die sich dann von Zeit zu Zeit in furchtbaren Judenverfolgungen niederschlugen; dabei dürfte sicher sein, dass innerhalb der Motive, die zu diesen Untaten führten, die materiellen Beweggründe der Schuldner eine ganz zentrale Rolle gespielt haben.“

Doch werden hier einige Unwahrheiten miteinander verknüpft. Zum einen suggeriert es eben, dass nahezu alle Juden Geldverleiher wurden, zum anderen, dass sich „breite Bevölkerungskreise“ durch die Zinslast bei ihnen verschuldeten und zum dritten, dass dies eine „zentrale Rolle“ für deren Verfolgung gespielt habe.

Historische Tatsache ist jedoch, dass das von der katholischen Kirche mehrfach ausgesprochene Zinsverbot kaum eine reale Wirkung auf die Gesellschaft hatte. Die Strafe der Verweigerung christlicher Beerdigung nach dem Tode hielt keinen christlichen Kaufmann vom Geldverleih gegen Zins ab. Allen voran die Norditaliener, die ausgehend von den Mailänder Bankiers generell als die Lombarden bezeichnet wurden.

Parallel zu jüdischen entwickelten italienische Fernhändler und Kaufleute, eben die Lombarden, im Mittelalter das moderne Geldgeschäft. Um bei den weiten Handelswegen lange Zahlungsfristen und Lieferungsverzögerungen zu vermeiden gingen die Kaufleute zur Vorfinanzierung, d.h. zur Verpfändung künftiger Einnahmen über. Sie räumten Kredite ein, stellten Schecks aus, verdrängten die bis dahin übliche Barzahlung und lösten das Geld- vom Warengeschäft.

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