Seite auswählen

Welche Aktie ist ein Kauf, welche sollte verkauft werden? Diese grundlegende Frage stellen sich täglich eine Vielzahl von Anlegern. Es liegt nahe, sich an den Einschätzungen der Profis, der Aktienanalysten, zu orientieren. Ein Weg zu sicherem Reichtum ist diese Vorgehensweise allerdings nicht. Häufig sind die Schätzungen der Experten falsch oder sie werden von Anlegern falsch interpretiert. Wie Aktionäre mit den Expertenurteilen richtig umgehen, zeigt folgender Beitrag:

1. Große Unsicherheit wegen widersprüchlicher Schätzungen

Die meisten Anleger suchen lange vergeblich nach Methoden, wie sie zuverlässig ihre Gewinne maximieren können. Trotz der Vielfalt an Börseninformationen ist die Unsicherheit groß. Die Trefferquote bei der Auswahl einzelner Titel und damit die Rendite liegt häufig unter dem, was möglich wäre.

Einschätzungen von Finanzanalysten werden in allen Medien mehr oder weniger sinnvoll wiedergegeben. Einige Analysten haben Kultstatus. Solange die Kurse auf breiter Front steigen, ist es relativ risikolos, den Empfehlungen der Profis zu folgen. Allerdings wären in dieser Situation auch die meisten Anleger ohne professionellen Rat erfolgreich. Schwieriger wird es, wenn der breite Markt nicht läuft. Dann wir die Diskrepanz zwischen Analystenschätzungen und tatsächlicher Kursentwicklung zunehmend größer. Die zumeist äußerst rosige Sichtweise der Profi-Berater wird häufig von der Realität widerlegt.

Anleger müssen immer wieder feststellen, dass Kaufempfehlungen renommierter Institute keine Garantie für Kursgewinne sind. Was noch mehr irritiert: Analysten scheinen mit ihren Einstufungen den Kursentwicklungen häufig hinterher zu laufen anstatt sie vorherzusagen. Und schließlich fällt auf, dass es zu fast jedem beliebigen Wert sowohl Kauf- als auch Verkaufsempfehlungen unterschiedlicher Institute gibt, was die Entscheidung von Privatanlegern nicht gerade vereinfacht.

Welche Konsequenzen können Anleger aus diesen offensichtlichen Mängeln ziehen? Analystenurteile grundsätzlich ignorieren? Genau das Gegenteil von dem tun, was die Profis empfehlen? Weder noch. Analystenurteile haben durchaus ihren Wert. Wichtig ist jedoch zu erkennen, wo die Schwachstellen von professionellen Analysten liegen. Ebenfalls wichtig: wie sind die Empfehlungen zu deuten?

2. Das Dilemma der Finanz-Analysten

Vor einer Kauf- oder Verkaufsempfehlung steht die Schätzung des erwarteten Gewinns für das jeweilige Unternehmen. Ausnahmen bilden häufig die Wachstumsunternehmen, die häufig noch Verluste produzieren und bei denen dann andere Kennzahlen wie Umsatz pro Kunde zum Einsatz kommen. Bei der Gewinnschätzung als Basis für die Beurteilung der Kurschancen eines Unternehmens stehen Analysten regelmäßig vor drei Problemen.

Problem Nummer eins: Die Gewinnschätzung kann eigentlich immer nur so gut sein wie die Informationen, die sie von den jeweiligen Finanz- und Firmenchefs erhalten. Diese nehmen sich zwar meist viel Zeit, um die Fachleute zu überzeugen. Nachprüfbar sind die Informationen für Analysten allerdings kaum. Glauben Finanzanalysten den Unternehmensangaben, dann besteht für sie die Gefahr, Opfer eines geschickten Finanzmarketings zu werden. Misstrauen Finanzanalysten dagegen den Unternehmensangaben, so sind sie zu eigenen Schätzungen gezwungen. Wer sich mit den Bilanzierungsmöglichkeiten internationaler Unternehmen auskennt, weiß, dass es für einen Außenstehenden völlig unmöglich ist, aus den Bilanzen Dinge herauszulesen, die nicht herausgelesen werden sollen.

Problem Nummer zwei: Analysten sind meistens bei Banken beschäftigt, die beim Kauf und Verkauf von Wertpapieren kräftig an den Provisionen verdienen. Ein weiterer Grund für die Neigung, eher zu viel als zu wenig Unternehmen zum Kauf zu empfehlen: Bei Kaufempfehlungen ist die potentielle Käuferschaft wesentlich größer als bei Verkaufsempfehlungen. Außerdem entspricht es auch mehr der Psyche von Anlegern, auf steigende Kurse zu setzen. Nicht umsonst gibt es viel mehr Call-Optionsscheine, als Scheine, die zum Kaufen eines bestimmten Wertes berechtigen, als Puts, mit denen auf fallende Kurse gesetzt wird. Das Mobilisierungspotenzial ist bei Kaufempfehlungen einfach höher. Nur vergleichsweise wenig Anleger lassen sich mit „lukrativen“ Verlusten locken.

Problem Nummer drei: Analysten sind von den Unternehmen, die sie beurteilen, in gewissem Maße abhängig. Erhalten sie keine Informationen von der Geschäftsleitung, sitzen sie auf dem Trockenen und haben einen Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenten. Gute Beziehungen sind damit Grundvoraussetzung für gute Analysen. Positive Analysen wiederum sind Bedingung dafür, dass Banken bei Kapitalmaßnahmen im Konsortium berücksichtigt werden. Ein äußerst lukratives Geschäft für die Banken.

Fazit: Es gibt zwischen Analysten, Banken und Unternehmen vielfältige Beziehungen, die eine objektive Analyse behindern können. Die Schätzungen einzelner Analysten sind deshalb für sich genommen häufig mit Vorsicht zu genießen, insbesondere dann, wenn Anleger nicht wissen, in welcher Beziehung das jeweilige Institut zum bewerteten Unternehmen steht. Statt auf Einzelschätzungen zu setzen, sollten Anleger deshalb ihr Augenmerk auf so genannte Consensus-Schätzungen richten.

3. Consensus-Schätzungen richtig einsetzen

Dass die Schätzungen von Analysten durchaus einen Sinn haben, zeigt eine Studie der University of California. Ausgewertet wurden 360.000 Empfehlungen aus 269 verschiedenen Broker-Häusern. Ergebnis: Die Aktien, welche von den Analysten am meisten empfohlen wurden, brachten auf das Jahr gerechnet ein Renditeplus von vier Prozent gegenüber dem Marktdurchschnitt. Die Studie konzentrierte sich auf so genannte Consensus-Schätzungen, also auf die durchschnittliche Bewertung aller Analysten, die eine bestimmte Aktie beobachteten. Anleger sollten ebenfalls auf Consensus-Schätzungen achten, statt mehr oder weniger willkürlich einer Bewertung eines Analysten zu vertrauen.

Einen Nachteil hat die Consensus-Methode allerdings. Eine überdurchschnittliche Performance erzielen nur die Anleger, die noch am Tag der veränderten Consensus-Schätzung entsprechend reagieren, also kaufen oder verkaufen. Für den normalen Privatanleger ist so eine Vorgehensweise in der Regel unmöglich. Sie scheitert schon an der Zeit, die notwendig wäre, sämtliche relevante Änderungen sofort wahrzunehmen. Wer dieses Problem nicht hat, dem rauben die Transaktionskosten aus dem dauernden Kaufen und Verkaufen jeglichen Renditevorteil. Es zeigt sich einmal mehr, es gibt keine einfachen Lösungen für überdurchschnittliche Renditen.

Die Tatsache, dass bei kurzfristiger Reaktion auf veränderte Analysten-Einschätzungen überdurchschnittliche Gewinn winken, nützen dem Normalanleger nichts. Sind also Analysten-Schätzungen doch wertlos? Nein. Consensus-Schätzungen sollten immer dann als Entscheidungskriterium berücksichtigt werden, wenn Anleger sich sowieso mit dem Gedanken tragen, Aktien zu kaufen oder zu verkaufen.

4. Verwirrung um die Sprache der Analysten

Anleger tun sich aus zwei Gründen schwer mit den Empfehlungen der Profis. Zum einen variieren die Bezeichnungen und Abstufungsraten je nach Analystenhaus erheblich. Zum anderen gibt es auch Unterschiede, was den Zeithorizont der jeweiligen Empfehlung betrifft. So unterscheidet die Deutsche Bank zwischen „strong by“, „buy“, „market perform“ und „underperform“. Wichtig zu wissen: Die Empfehlungen drücken praktisch nie absolute Größen aus, sondern treffen Aussagen, wie sich eine Aktie im Vergleich zum jeweiligen Markt bzw. der Benchmark entwickelt. Bei der Deutschen Bank heißt dies, dass eine Aktie mit der Einstufung „underperform“ sich aus Sicht der Analysten mindestens zehn Prozent schlechter entwickelt als der Markt. Das Urteil „buy“ ist dagegen so zu interpretieren, dass die Aktie im Vergleich zum Markt mindestens zehn Prozent besser läuft. Das bedeutet aber noch nicht, dass der Wert tatsächlich steigt. Hier kommt die zuvor angesprochene relative Betrachtungsweise zum Einsatz. Fällt ein Markt, können mit einem „buy“ beurteilten Werte ebenfalls fallen. Wenn die Analysten richtig liegen, fallen sie lediglich schwächer. Lediglich bei „strong buy“ hat ein Anleger berechtigten Grund zur Annahme, dass ein Wert sich bei einem begrenzten Marktrückgang dennoch positiv entwickelt. Dafür gilt die Einschätzung dieser „sehr guten Kaufgelegenheit“ auch nur für eine relativ kurze Zeit. Die anderen Einschätzungen der Deutsche-Bank-Analysten sollen dagegen einen Zeithorizont von zwölf Monaten haben.

Einige amerikanische Investmentgesellschaften haben sogar fünf Abstufungen, wobei sie für jedes Urteil noch zwischen einem mittelfristigen Anlagehorizont von 0 bis 12 Monaten und einem langfristigen Horizont von über 12 Monaten unterscheiden.

Aus der beschriebenen relativen Betrachtungsweise, die bei den Analysten in der Regel vorherrscht, sollten Anleger eine Konsequenz ziehen: Lassen Sie sich nicht von den gerne genannten Kurszielen blenden. Sie können zwar einen Anhaltspunkt für das erwartete Kurspotenzial sein. Allerdings kann der beste Analyst der Welt nicht annähernd sagen, wo eine Aktie in zwölf Monaten steht. Branchen-Insider sagen, absolute Kursziele seien das Dümmste, was es überhaupt gebe.